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Edgar Hilsenrath: Das Märchen vom letzten Gedanken

Edgar Hilsenrath: Das Märchen vom letzten Gedanken
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Art.Nr.: 978-3-943334-56-2
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Edgar Hilsenrath: Das Märchen vom letzten Gedanken

»Wenn einer dumpfe Augen hat, dann ist es schlecht um ihn bestellt. Der, dessen Augen aber leuchten, hat die Nacht überwunden. Es ist, als säße der helle Tag in seinem Herzen.«

Der große Roman vom Leidensweg des armenischen Volkes.

Für das berühmte Werk über den Völkermord an den Armeniern im Jahre 1915 erhielt Edgar Hilsenrath folgende Auszeichnungen:
– Alfred-Döblin-Preis (1989)
– Lion-Feuchtwanger-Preis (2004)
– Preis des Präsidenten der Republik Armenien (2006)
– Ehrendoktorwürde der Staatlichen Universität Eriwan (2006)

»Niemand kann dich hören, Thovma Khatisian«, sagte der Märchenerzähler, »denn deine Rede ist stumm. Aber ich habe dich gehört.«
»Hast du auch seinen Schrei gehört – den Schrei des türkischen Ministerpräsidenten –, als er ins Bodenlose fiel?«
»Den hab ich auch gehört.«
»Ich habe den türkischen Ministerpräsidenten noch einmal getroffen«, sagte ich zum Märchenerzähler.
»Wann?«
»Vor einigen Sekunden.«
»Und wo?«
»Im großen Sitzungssaal des Vereinten Völkergewissens. Es war während der üblichen Vollversammlung.
Er saß neben dem Regierungsvertreter, unauffällig und abseits. Wie ich erfuhr, war er nicht mehr Ministerpräsident, sondern Archivar beim Vereinten Völkergewissen, offiziell gewählt von allen vertretenen Nationen. Als er mich sah, verließ er seinen Platz und ging hinunter ins Archiv. Ich folgte ihm.
– Ich suche die armenische Akte, sagte ich. Es handelt sich um einen Bericht über den vergessenen Völkermord.
– Den vergessenen Völkermord?
– Ja.
– Und wann soll der stattgefunden haben?
– Im Jahre 1915.
– Das ist schon sehr lange her. Wir haben jetzt das Jahr 1988.
– Ja, sagte ich.
– Sehen Sie, sagte er.
Und dann führte er mich zum Aktenschrank. Er sagte: Unser Aktenschrank hat keine Schranktür. Es sind offene Regale, für jedermann zugänglich, denn wir haben keine Geheimnisse.
– Dann zeigen Sie mir, wo ich die armenische Akte finden kann.
– Das geht leider nicht, sagte er, denn eine so alte Akte wie die armenische ist längst verstaubt, so sehr verstaubt, daß sie unauffindbar geworden ist.
– Dann rufen Sie Ihre Putzfrau und veranlassen Sie, daß die Akte entstaubt wird.
– Das habe ich längst getan, sagte der Archivar, aber das ist nicht so einfach.
– Warum?
– Weil die Putzfrauen des Vereinten Völkergewissens alle asthmatisch sind und keine alten Akten entstauben wollen, besonders so alte wie die über den vergessenen Völkermord. Das würde eine Menge Staub aufwirbeln und reizt zum Husten.
– Ich sagte: Kann ich verstehen.
– Das Vergessen soll man nicht entstauben, sagte der Archivar. Es ist zu gefährlich. Und nach diesen Worten war er verschwunden.
Später ging ich hinauf in den großen Sitzungssaal. Ich stand mehrmals aus dem Publikum auf, um den türkischen Redner zu unterbrechen, aber die Ordnungshüter wiesen mich aus dem Saal.
Einmal gelang es mir, wieder hineinzuschlüpfen. Ich stellte mich neben den Generalsekretär und hielt eine zündende Rede. Ich erzählte von meinem Volk, das die Türken ausgelöscht hatten, und die Vertreter aller Nationen hörten mir eine Zeitlang zu. Dann aber begannen sie, sich zu langweilen, und einer nach dem anderen verließ den Sitzungssaal. Schließlich blieb ich ganz allein.

Diesen Artikel haben wir am Tuesday, 08. March 2016 in unseren Katalog aufgenommen.

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